Dilemma „Eisenbahnen und Denkmalschutz“ - Teil 1 von 3

28. April 2021, 14:00 Uhr von Richard Fuchs

Denkmalschutz trifft in Österreich nur auf Objekte des Bundes, der Länder und Gemeinden zu. Salopp gesagt kommen nur Objekte der Kirche, Schlösser und Burgen in den Genuss des Denkmalschutzes, nicht Industriedenkmäler wie Eisenbahnen!

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Am Beispiel Zerstörung des Kulturgutes Achenseebahn

Irgendwie muss man in Österreich den Eindruck gewinnen, Denkmalschutz orientiert sich nur nach der Lautstärke diverser politischer Zurufe. Das scheint bei der Achenseebahn in Tirol genau so stattzufinden, die von der Tiroler Landespolitik 2015 zum Tode verurteilt wurde, während sich die Welterbekommissionen der Unesco, Icomos und Europa Nostra, der Einzigartigkeit der Bahn verpflichtet sehen und sie damit unter die „7 meistgefährdeten Kulturerbestätten“ erhoben haben.

Partikularinteressen der Tiroler Landespolitik ermöglichen Ignorieren des Denkmalschutzes und die Zerstörung der Achenseebahn

Nachdem die Tiroler Landespolitik von der Staatsanwaltschaft Innsbruck mit der Aktenzahl 8 UT 45/20p-1 einen Freibrief für strafbare Handlungen erhalten hat, kann nun auch der Tiroler Denkmalschutz einen Freibrief für die Zerstörung der Achenseebahn aussprechen. Dazu soll die Bahn eliminiert werden und nur eine Zuggarnitur auf einen Sockel zur Überantwortung an die Verwitterung und damit der Vernichtung gestellt werden. In Tirol gibt die eisenbahnfeindliche Landesregierung den jeweiligen untergebenen Dienststellen (Staatsanwaltschaft und Denkmalschutz) die Marschroute zur Zerstörung der Achenseebahn vor, was in demokratischen Regionen Europas unverständlich und völlig undenkbar wäre.

Somit ist es leicht erklärlich, dass der Denkmalschutz in Tirol nicht zum Erhalt eines wertvollen Kulturerbes dient, sondern zur Pflege des Egos von Tiroler Landespolitikern. Damit ist klar, dass die Aktivitäten des Tiroler Denkmalschutzes, im Auftrag des Bundesdenkmalamtes, diametral den Zielen des weltweiten Schutzes von Weltkulturerbestätten der Unesco und den Welterbekommissionen Icomos und Europa Nostra widersprechen.

Denkmalschutz ist in Österreich so gut wie gar nicht eindeutig geregelt

Die Zerstörung von Kulturdenkmälern, die im sog. „Privatbesitz“ sind, ist in Österreich völlig unkompliziert. Die Achenseebahn, als Aktiengesellschaft im Privatbesitz, darf jederzeit zerstört werden. Denkmalschutz trifft in Österreich nur auf Objekte in öffentlicher Hand des Bundes, der Länder und Gemeinden zu. Um das Problem leichter zu verstehen, kann man sich vorstellen, dass nur Objekte der Kirche, Schlösser und Burgen und andere, die vor über 500 Jahren schon Ritter gesehen haben, in den Genuss des Denkmalschutzes kommen. Industriedenkmäler und damit die Eisenbahnen haben keine Möglichkeit durch offiziellen Denkmalschutz der Nachwelt erhalten zu bleiben, es sei denn durch politische Partikular-Intervention.

Fries Bahnhof Breitenschützing

Eisenbahnen haben im Denkmalschutz keinen Platz

Vor über 40 Jahren war in den Anfängen des Lokalfernsehens im Landesstudio Salzburg eine Sendereihe „Plus-Minus“. In einer Sendung wurden die Bahnhöfe Friedburg-Lengau und Straßwalchen architektonisch verglichen. Am Bahnhof Friedburg-Lengau tat ein Fahrdienstleiter mit architektonischem Wissen Dienst, der dafür sorgte, das Bahnhofsgebäude fachgerecht zu sanieren. Sogar die Bahnhofsuhr wurde vom Hersteller Schauer als Replica extra mit römischen Ziffern hergestellt, vermutlich die erste dieser Art.

Vor über 40 Jahren war in den Anfängen des Lokalfernsehens im Landesstudio Salzburg eine Sendereihe „Plus-Minus“. In einer Sendung wurden die Bahnhöfe Friedburg-Lengau und Straßwalchen architektonisch verglichen. Am Bahnhof Friedburg-Lengau tat ein Fahrdienstleiter mit architektonischem Wissen Dienst, der dafür sorgte, das Bahnhofsgebäude fachgerecht zu sanieren. Sogar die Bahnhofsuhr wurde vom Hersteller Schauer als Replica extra mit römischen Ziffern hergestellt, vermutlich die erste dieser Art.

Der Vergleich zwischen dem vorbildlich renovierten Bahnhof Friedburg-Lengau und der architektonisch wenig ansprechenden Bahnhofskiste Straßwalchen ist wohl eindeutig. Hier auf den Fotos mit Fahrzeugen, die üblicherweise sonst dort nicht verkehren.

Der wenige Kilometer entfernte historisch wertvolle Bahnhof Straßwalchen „erstrahlte“ im morbiden Charme eines verfallenden Repräsentationsbaus der k.u.k. Monarchie. Die schönen geschnitzten Holzornamente am Bahnsteig-Vordach fingen an herunterzufallen. Das Bahnhofsgebäude von Straßwalchen war ein sogenannter „Kaiserbau“, da der Bahnhof dem Kaiser Franz-Josef als Ausgangspunkt zu seinen Jagden in den Kobernaußerwald diente. Darum hatte der Bahnhof, der über eine Geländekante gebaut war, eine fünf Meter breite Marmor-Prachtstiege, einen riesigen Empfangsraum für den Kaiser und seine Entourage und im Untergeschoß Stallungen für Pferde und Kutschen zur Fahrt in den benachbarten Kobernaußerwald. Zuletzt wurden diese Stallungen zur Unterbringung für einen Lkw der Gemeinde und den Streusplit für den Winter genützt.

Fotosammlung: Epoche3 | Aufgenommen am 18.4.1976

Der historische Bahnhof Straßwalchen kurz vor dem Abriss mit typischen Westbahn-Stuckbögen über den Fenstern. Der historische Kaiserjagdbahnhof wurde 1982 abgerissen. Die Gemeinde Strasswalchen wollte ein Heimat- und Kulturhaus daraus machen, die ÖBB wollten das allerdings nicht und rissen den wertvollen Bahnhof kurzer Hand ab.

Als die Idee aufkam, das repräsentative Gebäude des „Kaiserbahnhofes Straßwalchen“, das noch immer in einem hervorragenden baulichen Zustand war, nach einstimmigem politischen Willen der Gemeinde als Heimat- und Kulturhaus (auch für Vereine etc.) für Straßwalchen zu nützen, war es bei den ÖBB Schluss mit lustig. Einige Tage nach dem Fernsehbeitrag schlug irgendjemand mit einer Spitzhacke ein riesiges Loch in das Bahnhofsdach und schüttete dort Chlorkalk hinein. Beim nächsten Regen erledigte der Chlorkalk gründlich seine Arbeit und zerstörte das Gemäuer unwiederbringlich. Auf Anfrage des Salzburger APA-Redakteurs Alois Fuchs bei der damals zuständigen Bundesbahn-Direktion Linz bekam er zur Antwort, dass Eisenbahnbauten generell nicht dem Denkmalschutz unterstellt sind und der Bahnhof Straßwalchen abgerissen werden musste, weil er (angeblich) „einsturzgefährdet“ wäre. Zwischen der Fernsehsendung und dem Totalabriss des „Kaiserbahnhofes Straßwalchen“ vergingen nicht einmal 14 Tage!

Der Bahnhof Timelkam im Ortsteil Leidern, neben dem Kraftwerk, ist ein historisch wertvolles Gebäude, weil es, zusammen mit dem Bahnhof Breitenschützing, als Musterhaus für die Bahnhöfe der slowenischen Südbahn-Strecken errichtet wurde.

Zerstörung von Kulturgut bei der Eisenbahn ist nichts neues!

Mihály Kubinszky aus Ungarn, Eisenbahnkenner und Architekt beschrieb in einem seiner Bücher „Bahnhöfe in Österreich“ im Verlag J.O.Slezak die Architekturgeschichte der österreichischen Bahnhofsgebäude und hier, u.a., die Architektur der Bahnhöfe der „Kaiserin Elisabeth-Westbahn“ mit den charakteristischen Stuckbögen über den Fenstern. Man kann mittlerweile nur erahnen, wieviele Bahnhöfe entlang der Westbahn dieser oder weiteren Spitzhacken zum Opfer gefallen sind. Traurig genug ist die Tatsache, dass es für Eisenbahnbauten keinen Denkmalschutz gibt, bzw. im Bundesdenkmalamt die Bedeutung dieser Kulturdenkmäler offensichtlich nicht erkannt wird.

Der Bahnhof Breitenschützing ist ein historisch wertvolles Gebäude, weil es, zusammen mit dem Bahnhof Timelkam, als Musterhaus für die Bahnhöfe der slowenischen Südbahn-Strecken errichtet wurde. Endpunkt der Schwerkraftbahn von Kohlgrube.

Bekanntlich gibt es zur Regel auch die Ausnahmen. Für die Bahnhofsbauten der k.k.priv.Südbahn-Gesellschaft in der Krajina (Krain) auf der heute slowenischen Wocheinerbahn wurden auf der Westbahn zwei „Musterbahnhöfe“ „Breitenschützing“ und „Timelkam“ in typisch südländischem Design gebaut. Es ist fast ein Wunder, dass, aufgrund des fehlenden Denkmalschutzes, diese Gebäude bis heute der Spitzhacke entgangen sind. Um noch einige „Überlebende“ ohne Denkmalschutz zu nennen, soll hier auf die Bahnhöfe „Seekirchen“ und „Neumarkt am Wallersee“ hingewiesen werden.

Das Markante an den historischen Bahnhöfen der "Kaiserin-Elisabeth-Westbahn sind die Stuckbögen über den Fenstern.

Ein besonderes Highlight von Denkmalschutz, aufgrund von persönlichem „Engagement“ ist neben „Friedburg-Lengau“ der Bahnhof „Rekawinkel“ zu nennen! Die Positivliste ist durchaus hier nicht vollständig.

Der Bahnhof Seekirchen am Wallersee hat schon die verschiedensten Schienenfahrzeuge anhalten und vorbeifahren gesehen. Die Triebwagen der WESTbahn und die ÖBB-RailJets kommen im Halbstunden-Takt vorbei.

Bahnhof Rekawinkel im malerischen Wienerwald noch als ein einmaliges Ensemble mit dem Bahnhofsrestaurant, das es mittlerweile nicht mehr gibt.

Der Bahnhof Rekawinkel steht, als einer der wenigen Bahnhöfe, unter Denkmalschutz und wurde vorbildlich restauriert, auch wenn man das WC vergessen hat. Die Haltestellenhütte gegenüber, in Fahrtrichtung Wien, ist Teil des historisch wertvollen Ensembles.

Hier muss besonderes Lob allen Personen gezollt werden, die in Eigeninitiativen und auch in Vereinen der Nostalgie- und Museumsbahnen das Kulturgut Eisenbahn bewahren und am Leben erhalten.

Fries am Bahnsteig-Vordach Bahnhof Timelkam