Akutes Gefährdungspotential bestätigt - Achenseebahn nun unter den "7 Most Endangered"

10. April 2021, 12:00 Uhr von AIM

ICOMOS Austria hat zudem die gefährdete Anlage für die Liste der am meisten gefährdeten Kulturstätten Europas nominiert. Dies ist auch deshalb adäquat, weil 2021 von der EU zum Europäischen Jahr der Eisenbahnen ausgerufen wurde.

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Geschichte

Die Achenseebahn ist eine knapp 7 Kilometer lange, schmalspurige Eisenbahn mit Zahnrad- und Adhäsionsantrieb. Sie verbindet Jenbach im Inntal mit dem Achensee, der in einem alpinen Seitental liegt und schiffbar ist. Die Bahn wurde zur touristischen Erschließung des Achensees und für den Gütertransport errichtet und am 6. Juni 1889 feierlich eröffnet. Ihre eisenbahnhistorische Einzigartigkeit und Bedeutung besteht in ihrem bis heute authentisch erhaltenen Betrieb mit dem originalen Rollmaterial, ua den mit Kohle befeuerten Dampflokomotiven und den bis heute weder elektrisch beleuchteten noch beheizten Wagons. Und auch ihre bauliche Infrastruktur ist weitgehend original erhalten.

Die nationalen und internationalen Fachleute, unter anderem von TICCIH, bestätigen ihr daher Einzigartigkeit und Bedeutung im regionalen, nationalen und wohl auch internationalen Kontext, sofern sie als technische Gesamtanlage in ihrer Authentizität und Originalität erhalten werden kann.

Akutes Gefährdungspotential

Seit dem Frühjahr 2020 jedoch ist ihr herausragender universeller Wert (Outstanding Universal Value – OUV) als einzigartiges technische Kulturdenkmal akut gefährdet. Ein betriebswirtschaftlicher Konkurs drohte aufgrund des Ausbleibens von zugesagten öffentlichen Subventionen. Dadurch alarmiert, musste ICOMOS Austria zudem feststellen, dass die technische Anlage, aber insbesondere die Betriebsmittel (Waggons, Lokomotiven, Werkstatt), seitens des nationalen Denkmalschutzes ungeschützt waren.

Feststellung der Bedeutung

Daher veranlasste das BMKOES eine erste Wertefeststellung noch unter COVID-19 Einschränkungen, die von Dr. Günter Dinhobl (TICCIH Österreich) und Architekt Toni Häfliger (Schweizer Denkmalpfleger und Fachexperte für Technische Infrastruktur) im April und Mai 2020 durchgeführt wurde. Die daraus resultierenden Empfehlungen lauteten unter anderem, die technische Gesamtanlage zur Sicherstellung des gegenwärtigen Bestandes vorläufig unter Schutz zu stellen, eine detaillierte Aufarbeitung der Bau- und Betriebsgeschichte der technischen Gesamtanlage nach wissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Kriterien vorzunehmen und sie durch internationalen Vergleich in das weltweite Spektrum von Bergbahnen mit Zahnradbetrieb unter besonderer Berücksichtigung des durchgehenden Betriebes mit originalen Dampflokomotiven einzuordnen, um damit ihr Potential als UNESCO-Welterbestätte auszuloten.

Internationaler ICOMOS Heritage Alert

Mit diesem Wissen ausgestattet, rief ICOMOS nach Gegenprüfung durch TICCIH Anfang Mai 2020 einen Internationalen Heritage Alert aus, also einen internationalen Alarm über die akute Gefährdung dieses essentiellen technischen Kulturerbes der Menschheit. Die Exekution des betriebswirtschaftlichen Konkurses hätte nämlich zum unmittelbaren Verkauf wertvoller Teile der Gesamtanlage führen müssen und potentielle Interessenten standen bereits vor der Türe.

Nationaler Denkmalschutz

Der internationale Alarm durch ICOMOS bewog dann doch das Bundesdenkmalamt (BDA), ein nationales Unterschutzstellungverfahren anzudenken. Die Ende August beabsichtigte, nur teilweise Unterschutzstellung als Ergebnis der Recherchen, führte zu einer ausgedehnten Stellungnahme von ICOMOS Austria, mit der eine zweistellige Zahl (!) an juristischen, technischen und inhaltlichen schweren Mängeln für den beabsichtigten Teilunterschutzstellungbescheid festgestellt wurden.

Dennoch exekutierte das BDA Ende Dezember 2020 diesen Bescheid ohne jegliche Berücksichtigung der vorgebrachten Mängel und der internationalen Expertisen. Besonders betroffen macht, dass offensichtlich nicht nur bei diesem Bescheid des BDA, als Behörde der Republik Österreich, die Judikatur der nationalen Gerichte vollkommen unberücksichtigt bleibt. ICOMOS Austria hat daher den Teilunterschutzstellungsbescheid fristgerecht beeinsprucht. Der Einspruch ist beim Bundesverwaltungsgericht (BVwG) anhängig.

Europa Nostra 7 Most Endangered Sites 2021

ICOMOS Austria hat zudem die gefährdete Anlage für die Liste der am meisten gefährdeten Kulturstätten Europas nominiert. Dies ist auch deshalb adäquat, weil 2021 von der EU zum Europäischen Jahr der Eisenbahnen ausgerufen wurde. Am 8. April 2021 verkündete Europa Nostra in Zusammenarbeit mit der Europäischen Investitionsbank unter Beisein der zuständigen EU-Kommissarin Mariya Gabriel, dass die Achenseebahn in die Liste der 7 meistgefährdeten Stätten des europäischen Erbes für 2021 aufgenommen ist. Bei der europaweiten Präsentation der gefährdeten Stätten konnte die Präsidentin von ICOMOS Austria berichten, dass nun aufgrund einer großzügigen Zuwendung des Landes Tirol, der akute betriebswirtschaftliche Konkurs abgewendet ist. Dennoch besteht aber durch den nur teilweisen nationalen Denkmalschutz und den Wunsch der neuen Eigentümer nach unreflektierter Modernisierung der Bahn, nach wie vor ein höchst akutes Zerstörungspotential für die Authentizität und die Originalität der Bahnanlage.

Daher steht die gesamte Anlage bis auf weiteres unter einem ICOMOS International ausgerufenen Heritage Alert und auf der Liste der 7 am meisten gefährdeten Stätten von Europa Nostra.1